Peter Beckhaus Design und Illustration Mainz
Peter Beckhaus Design und Illustration Mainz

Prost Neujahr!

Gude, ihr Leit!
Es gibt Leute in meinem Bekanntenkreis, die kenne ich nur sehr flüchtig.
Und zwar, weil ich immer fluchtartig das Weite suche, wenn ich die kommen
sehe, damit sie mir nicht die Ohren ablabern oder mich mit Hirnkrätze
infizieren. Aber immer gelingt mir das nicht. Leider.

Neulich habe ich mich aus gegebenem Anlass dazu hinreißen lassen, einem
dieser Konsorten ein halbherziges „Prost Neujahr!” entgegenzubrummen,
und schon hatte ich ihn an der Backe, den künftigen Nobelpreisträger
in kosmologischer Verbalflatulenz. Abhauen ging schlecht, denn er
hatte sich unaufgefordert in der Kneipe zu mir gesetzt, als gerade
mein Schoppen kam.

Jedenfalls ging er gar nicht groß auf meinen Gruß ein, sondern brebelte
gleich los: „Es muss jo scheinbar immer widder ebbes Neies her in dere
schnelllebig Wegwerf- unn Konsumgesellschaft. Und wenn's ach ebe nur
mol grad e neies Jahr is. Debei wär des alte doch noch lang gut gewese!
Abber nix, ab, weg demit! Die Ressource sinn ja scheinbar unerschöpflich.”
Ich mochte nicht zugeben, dass ich ihm nicht ganz folgen konnte, um ihn
nicht zu weiteren Ausführungen zu animieren. Aber das brauchte ich auch
gar nicht, denn schon ging's weiter. „Vielleicht wolle die da demit die
Wertschaft anzukurbele. Die Kalennerbranche zumindest wär ohne Nachschub
an Jahreswechsel völlig uffgeschmisse. Unn ach viele annere
saisonorientierte Wertschaftszweige habbe sich inzwische total abhängig
gemacht. Abber in Werklischkeit iss des eher so was wie e Inflation:
immer weniger Zeit fer immer mehr Mist. Oder, annerstrum betracht, immer
mehr Zeit geht immer schneller rum, verschwind't uff Nimmerwiddersehe,
ohne dass mer was Gescheites, en „bleibende” Gegenwert, dafür kriet.”
Ich hielt verzweifelt nach Rettung Ausschau, vergebens. Jeder, der mich
irgendwie aus der Nummer hätte rausholen können, hielt wohlweislich
einen großen Sicherheitsabstand und schaute geflissentlich in eine
andere Richtung.

Völlig unbeeindruckt monologisierte mein Gegenüber weiter: „Jedes Jahr merk
ich's deutlicher, dass da ebbes aus'm Ruder leeft. Dass da was abbröckelt
an de Ecke vun de Zeit, unn zwar immer genau dort, wo mer grad nit hieguckt.
Unn jetzt gebb Acht, jetzt kimmt's! Ich hab des untrügliche Gefühl, dass
sich die Jahresende langsam, abber unaufhaltsam uffenanner zubewege. So
wie die Kontinente. Unn die Zeit dezwische leeft aafach fort. Tröppche fer
Tröppche. Die Forscher wisse's bis heut noch nit, was eigentlich vorm
Urknall war. Ich kann der's sage, mer erlebe's nämlich grad. Es dauert
zwar noch e bissje, abber irgendwann, des garantier ich dir, isses soweit:
Dann berührn sich die Jahresende, es hinnere unn 's vordere. Dann beißt
sich die Zeit sozesage selber in de Arsch. Und dann, mit eme Rieseschlag –
fliegt der es ganze Univerum um die Ohrn. De nächste Urknall. Abber dann –
Prost Neijahr!” „Ja,” sage ich und kippe meinen Schoppen so schnell wie
möglich runter, „Prost... äh... naja.”

Ich stürme nach draußen und rufe der Bedienung im Vorbeieilen zu: „Geht
uff de Kolleg. Muss dringend fort. Adschee!”

In diesem Sinn, macht was aus dem Jahr, bevor's klammheimlich vertröppelt!

Euern Schambes


Seit April 2010 hat der Bär
Schambes eine "Festanstellung"
bei der Stadtausgabe der "Lokalen
Zeitung in Mainz.

Als Zeitungsausträger
kommt er viel rum in der Stadt
und hört, sieht und erlebt dabei
so allerhand.

Jeden Monat schreibt und
illustriert Peter Beckhaus alias
Schambes Becker eine Glosse über
Gott und die Welt – und über
Mainz...


Schambes der Bär von Peter Beckhaus Design Mainz