Peter Beckhaus Design und Illustration Mainz
Peter Beckhaus Design und Illustration Mainz

Bärendienst

Gude, ihr Leit!
Auauau, das war knapp! Als ich wieder mal in der Stadt unterwegs bin,
schrecke ich plötzlich zusammen, als ein aufgemotzter Sportwagen laut
hupend hinter mir vorbei braust. Ich kriege gerade noch mit, wie sich
ein älterer Herr mit einem Handwägelchen, gotteslästerlich schimpfend
und fluchend, auf den Bürgersteig rettet. Während er sich berappelt
und den Inhalt seines Wägelchens wieder in Ordnung bringt, knottert
er unablässig weiter über den Verkehrsrowdy, der ihn beinahe über den
Haufen gefahren hätte.

Anteilnahmsvoll frage ich ihn, ob ich irgendwie helfen kann. Da er
sich auch noch mit einem prall gefüllten Jutebeutel abschleppt,
lässt er mich nach einigem Hin und Her sein Wägelchen ziehen, das
voll beladen ist mit Kartons und ausgelesenen Zeitungen für den
Altpapiercontainer. Während wir nebeneinander herzockeln, redet
er sich weiter über den rüpelhaften Fahrstil des Kamikazepiloten
von eben in Rage, um schließlich über nachlassende Umgangsformen,
zunehmendes Rowdytum und mangelnde Rücksichtnahme im Allgemeinen
zu wettern. In vielen Fällen muss ich ihm sogar Recht geben, und
so steigern wir uns gegenseitig in die Aufzählung von Beispielen
hinein, die den bevorstehenden Untergang des Abendlandes belegen.

„Im Bus krie'st de heit noch nit emol en Platz angebote, wann de doot
umfällst!” – „Gege die Radfahrer, die als ohne Rücksicht uff Verluste
durch die Fußgängerzon' heize, war der Vollidiot von ebe direkt noch
e Waisekind!” – „Am Malakoff saufe sich die Hohlroller regelmäßig 's
Hern aus'm Kopp unn lasse dann grad ihrn ganze Müll rumlie'e, dass es
aussieht wie gebrennt!” – „Genau. Unn wenn de was seest, kriest de
noch e paar uff's Maul!”...

So geht's lustig weiter, bis wir am Container sind. „Ach, wär'n Se
grad emol so nett,” drückt mir der Alte seinen Beutel, der ebenfalls
mit Papierkram vollgestopft ist, in die Hand, weil der ihm beim
Ausladen hinderlich ist. Aber gewiss doch! Nach diesem Gespräch,
in dem wir uns als Wesensverwandte in Sachen Höflichkeit,
Ordnungsliebe, Hilfsbereitschaft et cetera bla bla quasi ans Herz
gewachsen sind, bin ich nur zu gerne zu einer weiteren kleinen
Gefälligkeit bereit. Während der Alte ächzend seine Kartons
zerpflückt, nehme ich, durchströmt von einer Woge überschwänglicher
Nettigkeit, den Packen Papier aus dem Beutel, reiße ihn schwungvoll
entzwei und werfe ihn in elegantem Bogen in die Tonne. Da fährt der
Alte herum und guckt mich entgeistert an. „Was war'n des?” Sein
Blick lässt mein waberndes Hochgefühl zusammensacken wie ein
misslungenes Soufflé. Und während ich noch an einer Antwort
rumsortiere, die seinem abrupten Stimmungsabfall entspricht,
kreischt er fassungslos: „Du Peifekopp! Des war'n grad mei
Rentebescheinigunge, mei Kontoauszüg' unn die neie Rätselheftcher
fer mei Fraa!” Irgendwie krieg ich ein ehrlich gemeintes, peinlich
berührtes, aber wenig überzeugendes „Ei hoppla!” raus und weiß
jetzt endlich, wie es sich anfühlt, jemandem einen Bärendienst
erwiesen zu haben…

In diesem Sinn, macht's nicht nur gut – macht's besser!

Euern Schambes


Seit April 2010 hat der Bär
Schambes eine "Festanstellung"
bei der Stadtausgabe der "Lokalen
Zeitung in Mainz.

Als Zeitungsausträger
kommt er viel rum in der Stadt
und hört, sieht und erlebt dabei
so allerhand.

Jeden Monat schreibt und
illustriert Peter Beckhaus alias
Schambes Becker eine Glosse über
Gott und die Welt – und über
Mainz...


Schambes der Bär von Peter Beckhaus Design Mainz